Vernunft und konservativer Pragmatismus

Wenn Sarkozy also öffentlich mit seinem sieben Jahre alten Sohn Louis Fußball spielt, dann soll das vor allem heißen: Hier kommt das neue, das junge und dynamische Frankreich, das mit dem verstaubten Präsidentenpaar nichts gemein hat. Die Medienkampagne läßt jene schmunzeln, die Sarkozy nicht erst seit dem Regierungswechsel 2002 beobachten.

Denn Sarkozy, der den Franzosen heute Inbegriff von energiestrotzendem Durchsetzungsvermögen und jugendlichem Schwung ist, hielten seine Studienfreunde früher vor, nicht "richtig jung" zu sein; schon im Alter von 20 Jahren habe er Vernunft, Realpolitik und konservativen Pragmatismus gepredigt. Im großbürgerlichen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine kam der junge Brave gut an: Mit 28 Jahren setzte er sich als Bürgermeister durch, gegen den erfahrenen Gaullisten Pasqua.

Keine „wirklich glückliche” Kindheit

Vielleicht hängt Sarkozys Strebsamkeit mit seiner Familiengeschichte zusammen. Der Vater, Pal Nagy Bocsa y Sarkozy, war vor dem kommunistischen Regime in seiner ungarischen Heimat nach Frankreich geflohen und hatte mit dem Charme des mittellosen Flüchtlings-Aristokraten in die französische "haute bourgeoisie" eingeheiratet. Seine Kindheit verlebte Nicolas, im Januar 1955 geboren, mit seinen zwei Brüdern in der großväterlichen Villa nahe dem Park Monceau in Paris.

Die Mutter legte viel Wert auf eine standesgemäße Erziehung. Nicolas besuchte die katholische Privatschule Saint-Louis. Doch der Vater sollte sich als Lebemann erweisen, der die Mutter sitzenließ und sich nur sporadisch für die Söhne interessierte. Die Scheidung wurde vollzogen, als Nicolas fünf Jahre alt war. Seine Kindheit sei keine "wirklich glückliche Zeit" gewesen, sagte Sarkozy einmal zum Entsetzen seiner Mutter.

„Man hat mir nie was geschenkt”

Über das Verhältnis zum Vater redet der ansonsten so redselige Sarkozy nur ungern. Dessen Heimatort Bocsa, etwa hundert Kilometer von Budapest in der Kleinen Puszta gelegen, hat er bei einer offiziellen Ungarn-Reise 1994 zum ersten Mal besucht. "Man hat mir nie etwas geschenkt. Alles, was ich habe, habe ich erobert", sagt Sarkozy über sich.

Von der politischen Führungselite Frankreichs unterscheidet ihn, daß er keine der "grandes ecoles" und vor allem nicht die Kaderschmiede Ena absolviert hat. Der Rechtsanwalt ist ein "selfmademan", der sich in der neogaullistischen Sammlungsbewegung - innerhalb kürzester Zeit - nach oben gearbeitet hat. Bei seinem Aufstieg half Chirac zunächst mit. Er vertraute Sarkozy seine Tochter Claude an, der nach der schweren Krankheit der Erstgeborenen Laurence alle väterlichen Hoffnungen galten.

Trauzeuge bei der Hochzeit von Chiracs Tochter

Sarkozy nahm Claude unter seine Fittiche, er führte sie in die Politik ein, so wie Chirac ihn gebeten hatte. Bernadette Chirac soll in dem jungen Mann sogar einen idealen Schwiegersohn gesehen haben. Doch irgendwie kam alles anders, aber man blieb sich so freundschaftlich verbunden, daß Claude Chirac Sarkozy zu ihrem Trauzeugen bei ihrer Ehe mit dem Politologen Phillippe Habert 1992 machte.

Sarkozy hatte mit 27 Jahren eine junge Korsin geheiratet, zwei Söhne entstammen dieser Verbindung, die früh zerbrach. In Neuilly-sur-Seine, der französischen Kommune mit dem höchsten Prozentsatz an Vermögenssteuerzahlern, lernte Sarkozy nicht nur die Creme des französischen Showbusiness und der Firmenbosse bei Galadiners im Rathaus kennen. Auch seine jetzige Frau, die ihn seither täglich bei allen politischen Terminen begleitet, traf er da.

Die eigene Frau als Beraterin

Cecilia Ciganer-Albeniz, deren Familie das Spanien Francos verlassen hatte, war damals mit dem Fernsehstar Jacques Martin verheiratet. Sie liebt das mondäne Leben, doch Macht zieht sie noch mehr an als das Gefunkel im Showgeschäft. Mit Cecilia hat Sarkozy eine Frau gefunden, die ihn in seinem Ehrgeiz anstachelt und sich gänzlich dem politischen Aufstieg ihres Mannes verschrieben hat.

Als er noch Innenminister war, überraschte sie eine Versammlung wartender Präfekten mit der Bitte, mit ihr schon mal die wichtigsten Gesprächspunkte durchzugehen, ihr Mann verspäte sich leider. Seit er das Finanz- und Wirtschaftsministerium führt, taucht Cecilia ganz offiziell im Minister-Organigramm als "Beraterin" auf. Ihr Büro liegt gleich neben der Ministersuite.

Sarkozy nutzt die Vorzüge des Ministerlebens

Der Minister wies an seinem ersten Arbeitstag den Generalintendanten im klotzigen, in die Seine ragenden Ministerbau an, "Madame" keinen Wunsch auszuschlagen und "auf gar keinen Fall" finanzielle Gründe anzuführen. Die Sarkozys ließen alle privaten Räume ihrer Residenz im Ministergebäude mit Fernsehbildschirmen ausrüsten.

Wenn Cecilia Klassenkameraden ihres Sohnes zum Übernachten einlädt, hat das Ministerpersonal auch am Wochenende zum Bettwäschewechseln und zur Kinderbeköstigung bereitzustehen. Die Vorzüge, die einem "ministre d'Etat" in Frankreich zustehen, nutzt das Ehepaar Sarkozy ohne Skrupel. Auch wenn sie nur flache Absätze trägt, muß Sarkozy sich auf Zehenspitzen stellen, will er seine Frau überragen.

Bruch mit Chirac im Jahr 1995

"Sie erinnert mich an Marie-Antoinette, die ihren Mann um den kleinen Finger wickelte, und das hat für ihn und Frankreich kein gutes Ende genommen", witzelte kürzlich der Sozialist Georges Freche, der Montpellier und die umgebende Region verwaltet. Sarkozy hingegen ist stolz auf diese Ehe, die sich von der traditionellen Rollenzuordnung bei den Chiracs abhebt.

Den Bruch mit Chirac hat Sarkozy 1995 selbst provoziert, als er sich bei der Präsidentenwahl auf die Seite Balladurs schlug, dem parteiinternen Rivalen. Wie schwer ihm die Abnabelung von Chirac gefallen ist, zeigen die seitenlangen Aufsätze, die er unter dem Pseudonym "Mazarin" in der Zeitung "Les Echos" nach Balladurs Wahlniederlage veröffentlichte.

„Er fürchtet mich”

Erst jetzt hat sich Sarkozy zu der Autorenschaft bekannt. In seinem Buch "Libre" beschreibt er ebenfalls die "Schweigestrafe", die Chirac nach dem "Verrat" über ihn verhängte. Erst 1997 nahm der Staatspräsident wieder Kontakt zu Sarkozy auf. "Er haßt mich nicht. Es ist viel schlimmer: Er fürchtet mich", sagt der Minister über Chirac. Jetzt muß der Präsident ihm die Führung der Partei anvertrauen, die er für sich und seinen Kronprinzen Juppe gegründet hatte.

Der Erfolg Sarkozys wird Chirac unheimlich, auch wenn er weiß, daß der Glanz auch auf ihn fällt. Eigentlich müßten Chirac und seine Frau Bernadette vor den Regionalwahlen Sarkozy zuflüstern: "Wie gut, daß wir Sie haben." Doch das Duell hat für Chirac gerade erst begonnen. "Wenn man weit gehen will, darf man sich durch Hindernisse nicht aufhalten lassen", sagt Sarkozy